Rathaus Langenhagen, den 06. Oktober 2012, 10 Uhr
Veranstalter: Seniorenbeirat

Liebe Frau Röder,
sehr geehrte Damen und Herren,

am 1. Januar habe ich als seniorenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion in einer Pressemitteilung gefordert, dass das Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen nicht nur ein bloßes Lippenbekenntnis sein darf. Ich habe mir gewünscht, dass nicht nur im politischen Raum, durch Aktionen der Parteien und der Bundesregierung und Landesregierungen dieses Thema aufgegriffen wird, sondern auch vor Ort. Sie verehrte Damen und Herren, haben mit der heutigen Veranstaltung demonstriert, dass Ihnen das Thema wichtig ist. Und dass Sie Flagge zeigen mit Beispielen, wie das Miteinander von Generationen funktionieren kann.

Die Idee mit dem Markt der Möglichkeiten, liebe Frau Röder, ist eine hervorragende Idee. Anhand von praktischen Beispiel zeigen Sie nicht nur, was generationsübergreifendes Zusammenleben heißt. Sondern Sie laden dazu ein, mitzumachen, nachzumachen oder eigene Projekte zu starten. Für dieses Engagement danke ich Ihnen!

Das Europäische Jahr des Aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen ist Ihnen und mir ein wichtiges Anliegen. Die alternde Gesellschaft ist nicht an nationale Grenzen gekoppelt. Sie ist eine globale Herausforderung, die alle Länder vor gleiche Herausforderungen stellt.

Dazu ist zu sagen: Der Staat kann hier wegweisend tätig sein. Vorschläge machen, Initiativen ans Laufen bringen. Vieles hat die Bundesregierung hier schon unternommen. Die demografische Entwicklung hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Chefsache erklärt. Der erste Demografie-Gipfel dieses Jahr zeigt, dass Seniorenpolitik zu einem zentralen Thema geworden ist. Allerdings: Die Herausforderungen des demografischen Wandels sind eine Gemeinschaftsaufgabe. Von Bund, Ländern, Kommunen und allen Bürgerinnen und Bürgern.

Ja, es besteht kein Zweifel, die Anzahl der älteren und ganz alten Menschen wird in den nächsten Jahren rasant wachsen. Und mit steigendem Lebensalter wird gleichzeitig auch die Zahl hochbetagter und hilfebedürftiger Menschen steigen. Darauf müssen wir uns einstellen. Diese Entwicklung sollten wir aber keinesfalls ausschließlich als Belastung für unsere Sozialversicherungssysteme sehen. Wir sollten diese Veränderungen eher als Chance begreifen. Ich bin die Schwarzmalerei, ja diese Schreckenszenarien leid. Ein Beispiel: Am Dienstag meldete die Deutsche Presseagentur: Ich zitiere: „Schon heute gilt Deutschland mit vielen Rentnern und wenigen Jugendlichen als Altersheim Europas.“ Hintergrund für diese negative Aussage: Die Lebenserwartung für Frauen und Männer steigt in Deutschland beträchtlich. Laut neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes wird in den kommenden 50 Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung sogar um weitere sieben Jahre steigen.

Ja und??? Dieses – entschuldigen Sie bitte – typisch deutsche Lamentieren nervt mich.

Ist es nicht so, dass wir sonst immer nach Japan schauen und staunen, wie alt die Menschen dort werden? Oder ist nicht die Mittelmeer-Diät ein Renner, weil sie uns ein hohes Lebensalter verspricht? Diese Diskrepanz verstehe ich nicht. Anstatt zu vermelden, wunderbar, wir haben auch als Rentner noch einen schönen, langen Lebensabschnitt vor uns, heißt es, wir sind das Altersheim Europas.

Meine Damen und Herren,
halten wir fest, nie zuvor waren ältere Menschen so aktiv, fit und voller Lebensfreude wie heute.
Ich meine nicht die Teilnehmer an Kreuzfahrten. Sondern an die vielen tausende, die ihren Ruhestand zu einem Un-Ruhestand machen. Jene,  die es überhaupt nicht einsehen, warum sie aufs Abstellgleis geschoben werden, nur weil sie ein bestimmtes Lebensalter erreicht haben. Oder warum sie ein Ehrenamt aufgeben sollen. Und ich denke ganz besonders an all die Menschen, die sich selbstlos und im Dienste der Gemeinschaft engagieren. Ihre jahrzehntelangen, wertvollen Erfahrungen an jüngere weiter geben. Abgesehen davon, dass wir mehr denn je auf das Engagement und die Erfahrungen der Älteren angewiesen sind, müssen wir an dieser Stelle auf das gängige Altersbild zu sprechen kommen. Das Bild vom alten Menschen muss korrigiert werden.

Klischees müssen weg!

Wenn ich an meine Kindheit denke und vor allem an die Bilderbücher, die ich damals in die Hände bekam, erinnere ich mich an das typische Motiv einer Großmutter: In dunkler Kleidung, vielleicht noch eine Schürze umgebunden, sitzt sie im Sessel und liest den Enkelkindern vor. Ich will nicht sagen, dass dies nicht schön und wichtig ist – im Gegenteil, es ist so schade, dass es heute viele Kinder gibt, denen nicht mehr vorgelesen wird. Aber Vorlesen ist nur eine Aufgabe, die ältere Menschen heute übernehmen. Sie tummeln sich heute in Computerkursen, schreiben sich an Unis ein oder reisen durch die Welt.

Oder, wie ich es ja eben schon ansprach, sie sind aktiv in Vereinen, in der Kirche, bei den Senior-Experten. Oder noch im Berufsleben. Immer mehr Menschen möchten länger arbeiten als bis zu ihrem 65. Geburtstag. Deshalb  lautet auch eine Forderung des Senioren-Antrags der Koalitionsfraktionen CDU/CSU und FDP, den wir Anfang dieses Jahres im Bundestag verabschiedet haben: Alle Altersgrenzen gehören auf den Prüfstand. Das ist aber nur ein Ziel unserer Seniorenpolitik in der christlich-liberalen Koalition. Und damit komme ich zum eigentlichen Thema meines Vortrags: Wichtigstes Ziel für mich als liberale Sozialpolitikerin ist :

Eine Gesellschaft zu schaffen, die es ermöglicht, dass jeder Mensch selbstbestimmt leben kann. Und zwar in jedem Alter. Im Europäischen Jahr des aktiven Alterns haben wir in unserem Seniorenantrag natürlich nicht nur die fitten Alten im Blick. Es steht außerfrage, dass mit der wachsenden Zahl an Senioren auch automatisch die Zahl an Menschen steigen wird, die auf Hilfe angewiesen sind.
Deshalb ist neben unserem Appell an die Unternehmen, mehr als bisher in in den Erhalt der Arbeitsfähigkeit sowie Weiterbildung von Älteren zu investieren das Stichwort Barrierefreiheit ein ganz wichtiger Aspekt.

Barrierefreiheit bedeutet, wir müssen alles tun, um auch Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, ein selbständiges und vor allem ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ein überwiegender Teil Älterer möchte so lange es geht, in den eigenen vier Wänden wohnen. Dazu brauchen wir viel mehr seniorengerechten Wohnungsbau. Nur drei Prozent aller Wohnungen in Deutschland erfüllen die Kriterien, hier besteht dringender Handlungsbedarf. Deshalb setze ich mich auch dafür ein, dass das KfW-Förderprogramm für seniorengerechten Umbau wieder im Bundeshaushalt aufgenommen wird.

Ich setze mich auch ein für eine flächendeckende Weiterentwicklung von technischen Assistenz- und Hausnotrufsystemen: da gibt es heute sehr viele Möglichkeiten, etwa Sensoren im Fussboden, die reagieren, wenn jemand stürzt und Hilfe holen. Wir brauchen überall, nicht nur im privaten Bereich, die Verwirklichung und stärkere Sensibilisierung für Barrierefreiheit. Wir haben 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, da muss es selbstverständlich sein, dass Zu- und Durchgänge barrierefrei sind. Außerdem nutzt sie allen Menschen: Eltern mit Kinderwagen, Senioren und Menschen mit Behinderungen. Hier liegt noch vieles  im Argen.

Ein Beispiel: Ich habe mir letzte Woche mit Kolleginnen und Kollegen des Tourismusausschusses den neuen Großflughafen Berlin-Brandenburg angeschaut. Ich will hier mal gar nicht auf die unsägliche Bauverzögerung und den immer wieder verschobenen Eröffnungstermin näher eingehen. Ich war entsetzt darüber, dass selbst auf diesem Flughafen – und die Berliner erheben ja den Anspruch – einen der modernsten Flughäfen Europas zu bauen, Barrierefreiheit keineswegs umgesetzt wird.

Mein Kollege von der Fraktion Die Linke, Dr. Ilja Seifert, konnte als Rollstuhlfahrer das bestätigen. Es ist keineswegs so, dass Reisende, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, ohne Hilfe hier zurecht kommen. Es gibt noch nicht einmal Piktogramme für Nicht Sehende. Ich habe in einer Pressemitteilung darauf hin umfassende Barrierefreiheit gefordert. Hier bleibe ich am Ball! Im übrigen hat das Deutsche Institut für Menschenrechte in einem gerade herausgegebenen Bericht meine Erfahrungen auf dem Flughafen für alle Standorte bestätigt. In dem Monitoring-Bericht, der diese Woche erschienen ist, heißt es wörtlich: „Alle Bereiche der Gesellschaft sollen für Menschen mit Behinderungen zugänglich sein. In Deutschland ist man davon weit entfernt. Der Staat ist dazu verpflichtet, die zahlreichen noch bestehenden Barrieren zu beseitigen und das Entstehen neuer Barrieren zu verhindern. Auch auf dem Privatsektor muss eingewirkt werden, das gehört zu den Grundsätzen der UN-Behindertenrechtskonvention. Im übrigen spricht das Deutsche Institut für Menschenrechte von einer „systematischen Enthinderung“. Ein bemerkenswertes Wort, das wir uns merken sollten!
Wenn wir von Barrierefreiheit reden, meine ich  umfassende Barrierefreiheit. Barrieren sind mehr als nur ein bauliches Problem. Dies gilt z.B auch im Internet.

Meine Damen und Herren,
das Thema Altersgerechte Welt und Selbstbestimmtes Leben auch im hohen Alter zu ermögliche habe ich auch zum Anlass für einen Seniorenkongress genommen. Am Freitag, 19. Oktober werde ich mit Sachverständigen diskutieren. Ich würde mich freuen, den einen oder anderen von Ihnen dort zu begrüßen. Sprechen Sie mein Büro an, wir werden Ihnen gerne eine Einladung zukommen lassen.

Zum Schluss eine Bitte: Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, eine altersgerechte Welt zu schaffen. Das erfordert Solidarität zwischen den Generationen, und ich versichere Ihnen, davon profitieren alle!

Jetzt freue ich mich auf Gespräche mit Ihnen und danke Ihnen für Ihr Interesse.

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