Herr Bundestagspräsident,

verehrte Kolleginnen und Kollegen,

bei der Internationalen Seniorenkonferenz des Familienministeriums hat kürzlich die amerikanische Psychologin Becca Levy über eine Studie berichtet, in der sie Männer und Frauen befragte, welche Altersbilder sie mit Älteren verbinden.Häufig genannt wurden: langsam gehen, senil sein, Demenz, körperliche Beeinträchtigungen. Dann untersuchte die Professorin der Yale-Universität den Effekt negativer Altersbilder. Ich zitiere Frau Levy:

„Wenn wir Menschen mit negativen Stereotypen konfrontiert haben, konnten wir sehen, dass sich ältere Teilnehmer daran anpassten: Die Gedächtnisleistung nahm ab, die Leute gingen langsamer und reagierten schneller mit Herzbeschwerden auf Stress.

Wenn wir die Leute aber positiven Bildern aussetzten, konnten wir genau die umgekehrte Wirkung beobachten.“

Am beeindruckendsten ist, dass ein positives Bild vom Altern mit durchschnittlich sieben Jahren längerer Lebenszeit verbunden ist.

Mit dem 6. Altenbericht haben die Verfasser wichtige Weichen für einen Wandel bei uns in Deutschland gestellt. Ich möchte Herrn Prof. Kruse und der Kommission für ihre zum Teil langjährige Arbeit und ihre wichtigen Ergebnisse danken. Ihre Erkenntnisse haben wir in unserem Antrag aufgegriffen.

Die Altersbilder von heute sind anders als die von gestern. Nie zuvor gab es so aktive Ältere, die weiterhin aktiv sein wollen, obwohl sie ein Alter erreicht haben, in dem sie in den wohlverdienten Ruhestand gehen könnten. In den Fällen, in denen starre Altersgrenzen Aktiv-Sein blockieren, wird die Koalition Altersgrenzen überprüfen. Ich bin sicher, dass wir auf viele verzichten können.

Die EU-Kommission hat 2012 zum Europäischen Jahr des aktiven Alterns erklärt. Das ist zu begrüßen. Die Koalition hat die Relevanz des Alterns früh erkannt und bereits im Koalitionsvertrag eine Demographie-Strategie festgeschrieben.Den Wandel in den Köpfen kann die Politik allerdings nicht allein herbei führen.Dies ist eine Aufgabe, an der alle gemeinsam arbeiten müssen. Stichwort Generationen-Dialog. Wir müssen miteinander im Gespräch bleiben. Junge und Alte.

Altersbilder haben auch Einfluss darauf, was jüngere Menschen für ihr eigenes Alter erwarten und was ältere Menschen sich zutrauen und erreichen wollen. Auch Städte, Länder und Bund müssen eng zusammen arbeiten, um gemeinsam eine Infrastruktur für eine altersgerechte Gesellschaft zu schaffen. In einer Gesellschaft des langen Lebens stecken enorme Kräfte. Raum für neue Altersbilder bietet bürgerschaftliches Engagement. Mit dem neuen Bundesfreiwilligendienst, der auch für  Ältere offen steht, hat die Koalition hier schon einen wichtigen Beitrag geleistet.

Wir brauchen aber auch ein neues Bild vom alten Menschen in den Medien. Das Bild von der Großmutter im Bilderbuch von früher passt nicht mehr. Auch in der Werbung hat sich herum gesprochen, dass sich das Interesse Älterer nicht auf Haftpulver für dritte Zähne beschränkt. Und es hat sich auch herum gesprochen, dass Ältere eine mächtige Käuferschicht darstellen. Medien haben gewaltige Macht, die Einstellung der Gesellschaft zu beeinflussen. Die Prämierung guter Beispiele, die die Vielfalt der Lebensformen widerspiegeln, ist eine von vielen Möglichkeiten, ein neues Bild zu forcieren.

Wir brauchen auch einen Wandel im Gesundheitswesen: In einer Zeit des langen Lebens müssen wir erkennen, dass nicht alle Krankheiten eine Alterserscheinung sind. Ziel unseres Antrages ist, verstärkt die Potenziale der zweiten Lebenshälfte zu aktivieren, und zwar auch für den Bereich Bildung und Qualifizierung.

Lebenslanges Lernen ist selbstverständlich geworden. Ich appelliere an die Unternehmen, in den Erhalt der Arbeitsfähigkeit ihrer älteren Beschäftigten zu investieren. Das Recht auf Weiterbildung darf nicht mit 40 Jahren aufhören. Zur Generationengerechtigkeit gehört, dass die Lebenszeit nicht mehr starr an drei Phasen Jugend und Ausbildung, Erwachsenenalter und Erwerbstätigkeit und schließlich Ruhestand gekoppelt wird.

Mit der steigenden Zahl der Älteren wird wahrscheinlich auch die Zahl der Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen deutlich steigen. Wir alle wissen, dass der Begriff Pflegebedürftigkeit neu definiert werden muss. Ich bin froh, dass Gesundheitsminister Bahr diese wichtige Herausforderung jetzt konkret anpackt.

Ein weiterer zentraler Punkt in unserem Antrag ist  Barrierefreiheit.

Wir müssen uns fragen: Wie muss eine Gesellschaft gestaltet sein, damit alle Menschen, gleichberechtigt und selbstbestimmt leben können. Barrierefreiheit ist kein Luxus sondern muss selbstverständlich sein.

Und zwar in allen Lebensbereichen, nicht nur in den eigenen vier Wänden.

Ich bin dafür, dass das bewährte KfW-Programm „Wohnen im Alter“ fortgesetzt wird und moderne Technologien wie zum Beispiel das Hausnotrufsystem und andere Assistenzsysteme stärker vorangetrieben werden.

Barrierefreiheit muss für den Besuch des Rathauses genauso selbstverständlich sein wie in der Städteplanung, im Straßenverkehr wie im Internet, in der Forschung und in der Ausbildung, in der differenzierte Altersbilder zu vermitteln sind, die Krankheit und Alter entkoppeln. Ich bin sicher, wir sind auf einem guten Weg zu einer Gesellschaft mit neuen Altersbildern.

Vielen Dank.

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